Stiografie Referenz

Ein experimentelles Kurzschriftsystem

www.reintechnische.de :: Start: 21.07.2018 :: Stand: 09.10.2018

Hintergrund

In 2017 fing ich an, Stiefografie zu lernen. Das ist ein optimiertes Kurzschriftsystem, was man gegenüber der Deutschen Einheitskurzschrift (DEK) wesentlich schneller erlernen kann. Dies auch deshalb, weil das Grundsystem sehr einfach gehalten ist und man so schnelle Fortschritte macht.

Nach etwas 6 Monaten Übungszeit nervte mich eine konzeptionelle Eigenheit der Stiefografie immer mehr. Besonders dann, wenn man sie als Notizschrift verwendet und viele Kürzel noch nicht kennt: Der ständige Höhenversatz für bestimmte Vokale, der dazu führt, dass ein Wort immer weiter nach oben oder unten laufen kann. Wer auf kariertem Papier Stiefo schreibt, müsste mindestens 2 Leerzeilen halten und läuft dann immer noch Gefahr, dass man in die obere Zeile hineinläuft.

Es kam noch etwas Weiteres hinzu: Ich tat mich sehr schwer, diesen Höhenversatz beim Schreiben und Lesen in meinen Kopf zu bekommen. Das liegt daran, dass es ein völlig neues Konzept ist, was man aus der Normalschrift nicht kennt. Und man muss beim Schreiben des Vokales schon wissen, ob der nächste Konsonant halbe Höhe oder volle Höhe hat. Man muss also weit voraus denken, was schwer fällt, wenn man es nicht tief verinnerlicht hat. Diese Eigenart verkompliziert das System bzw. verlängert die Übungszeit, bis man das System sicher einsetzen kann.

Ich wollte ein noch wesentlich einfacheres System. Auch deshalb, weil eine moderne Kurzschrift in meinen Augen schnell erlernbar sein muss. In unserer schnelllebigen Zeit nimmt sich kaum noch jemand so viel Zeit, um ein gängiges Kurzschriftsystem zu erlernen. Es muss radikal einfacher funktionieren.

So experimentierte ich mit einem abgewandelten System, was keinen Höhenversatz mehr kennt. Das nimmt einem zwar etwas an Kürze und Kodiermöglichkeit, aber ich finde, das ist ein guter Kompromiss. Zumindest für alle, die eine Kurzschrift eher als Notizschrift nutzen, die man nebenher zügig erlernen möchte.

Dieses neue System übe ich seit März 2018. Es hat den Arbeitstitel "Stiografie", weil es vieles von der Stiefografie übernommen hat, aber einfacher gehalten ist.

Es ist derzeit noch in einem frühen Experimentierstadium, aber auch soweit ausgereift, dass man es praktisch nutzen kann.

Konzepte und Regeln

  • Schreiben am Besten auf kariertem Papier.
  • Verbundene Schrift - Man schreibt ohne abzusetzen. Die Buchstaben werden immer am oberen Punkt mit dem vorherigen Zeichen verbunden. Verbindungen laufen also in den meisten Fällen nach oben.
  • In einer kurzen (unmittelbaren) Verbindung zweier Konsonanten ist kein Vokal dazwischen.
  • In einer einfachen Verbindung zweier Konsonanten ist der Vokal "e" dazwischen. Eine einfache Verbindung ist etwa 1 Kästchen breit.
  • In einer langen Verbindung zweier Konsonanten ist der Vokal "u" dazwischen. Eine lange Verbindung ist etwa 2 Kästchen breit.
  • Es gibt Zeichen mit halber Höhe und ganzer Höhe bezogen auf ein Kästchen.
  • Alle Schriftzeichen umspannen maximal den Raum eine Höhe nach oben und eine halbe Höhe nach unten. Insofern kann man auf kariertem Papier mit einer Zeile Abstand schreiben, ohne in Zeichen der darüberliegenden Zeile zu laufen.
  • Zahlreiche Vokale werden unterhalb der Grundlinie dargestellt und haben halbe Höhe. Konsonanten sind grundsätzlich auf/oberhalb der Grundlinie.
  • Buchstaben werden im Gegensatz zur Stiefografie immer auf der gleichen Höhe geschrieben. Die Höhe wird - wie bei der Langschrift - nicht als Kodiermöglichkeit verwendet.
  • Bei linkslaufenden Zeichen (s, m, h, sch, ch) werden Fußschleifen gemacht, falls der folgende Vokal ein "e" oder "u" ist. (Vokale oberhalb der Grundlinie)
  • Es wird geschrieben, wie man spricht.
  • Es gibt keine Groß-Kleinschreibung.
  • Alle überflüssigen Buchstaben werden weggelassen: Dehnendes "h", doppelte Konsonanten, ie wird zu i usw.
  • Das Selbstlautzeichen "c" dient dazu, um 2 direkt aufeinanderfolgende Vokale überhaupt schreiben zu können, die auch getrennt gesprochen werden. Das gilt vor allem für "e" und "u", die sich konzeptionell nicht hintereinander schreiben lassen. Vokale unterhalb der Grundlinie (a, i, o, eu, ei, au) brauchen untereinander kein Selbstlautzeichen, weil man sie hintereinander schreiben kann.
  • Der Umlaut ä wird durch e geschrieben. Die Umlaute ö und ü werden durch o und i geschrieben mit einem Strich darüber. Wenn eindeutig, kann der Strich auch weggelassen werden.
  • nd/nt, ng/nk, sch, ch, cht, sp, st, pf, tz werden in der Sprachsilbenfuge nicht benutzt. Beispiel: "biss-chen" nicht "bisch-en"
  • Komma, Punkt, Semikolon, Doppelpunkt, Bindestrich, Anführungsstriche werden wie bei der Normalschrift genutzt.
  • Bei den rechts laufenden Konsonanten g, j, n, ng/nk und sp wird ein nachfolgendes "i" und "a" direkt ohne Seitstrich miteinander verkoppelt.
  • Am Ende eines Wortes wird "e" und "u" so geschrieben, als würde ein halbhohes Zeichen folgen. Alle Vokale, die unter der Grundlinie geschrieben werden, enden auf der Grundlinie.

Buchstaben

Die meisten Buchstaben sind 1:1 von Stiefo übernommen. Lediglich die Vokale mussten konzeptionell neu angegegangen werden, damit das Konzept des Höhenversatzes eleminiert wird. Wo bei Stiefo "u" und "au" das selbe Zeichen ist, habe ich hier ein zusätzliches Zeichen eingeführt, weil mir auffiel, dass es das Lesen deutlich vereinfacht, wenn man beides klar auseinanderhalten kann.

Vokale

Bei einem "a" kann am Anfang eines Wortes der erste Abstrich weggelassen werden. Man hat dann nur noch den Kringel. Bei den rechtslaufenden Zeichen, die auch keine Bögen unten haben, lässt sich das "a" direkt mit dem Zeichen verbinden, ohne erst einen waagerechten Strich nach rechts zu machen, wie bei "ganz". Für den Ungeübten etwas schwer, hier 2 Buchstaben zu erkennen, weil man keinen klaren Übergang sieht. Schleifen werden bei linkslaufenden vorherigen Konsonanten nicht geschrieben, wie man es z.B. beim Übergang auf "e" machen würde.

Beim "e" ist es wichtig, ein Gefühl für den richtigen Abstand zu bekommen. Ist er zu kurz, verwechselt man es mit 2 Konsonanten ohne Vokale dazwischen. Ist er zu lang, verwechselt man es mit dem "u". Letzteres ist eher unwahrscheinlich, aber auseinanderzuhalten, wo ein "e" steht und wo nicht, ist manchmal schwierig.

Beim "i" kann man am Wortanfang vereinfachen, in dem man auch hier den ersten Abstrich weglässt. Das ist sehr praktisch, spart Zeit. Wie beim "a" gilt hier auch, keine Schleifen bei linkslaufenden Konsonanten davor. Durch einen Strich wird ein "i" zum "ü". Phonetisch liegen "i/ü" näher beieinander als "u/ü". Ist man etwas geübter, brauchts den Strich deshalb oft nicht. Wer "Kiche" liest, weiß, dass es nur "Küche" heißen kann.

Bei Stiefo können nie 2 Vokale geschrieben werden, die hintereinander folgen. Spricht man sie also einzeln, wie bei "Mühe" (geschrieben Müe), braucht es bei Stiefo das Selbstlautzeichen. In Stio hingegen sind zahlreiche Vokale hintereinander schreibbar, außer die von Stiefo übernommenen Vokale "e" und "u", wenn diese direkt hintereinander kommen.

Beim "o" muss man etwas aufpassen. Kann es beim "n" direkt als fortlaufender Bogen angehängt werden, muss es beim "r" erstmal eine kleine seitliche Bewegung geben, damit man es vom "n" unterscheiden kann.

Das "u" ist eine lange Verbindung, etwa 2 Kästchen weit und damit klar unterscheidbar vom "e".

Beim "ei" ist es wie beim "i". Hier lässt sich der Anstrich am Anfang eines Wortes weglassen.

Beim "au" ist es wie beim "ei", "a" und "i": Am Wortanfang kann der Abstrich weggelassen werden. Bei "rauh" endet der Strich auf der Grundlinie, ist hier etwas zu hoch gerutscht.

Bei "eu" muss man ähnlich wie bei "o" etwas aufpassen, die Übergänge zwischen "r" und "n" klar unterscheiden zu können.

Das Selbstlautzeichen "c" kommt immer dann zum Einsatz, wo 2 Vokale hintereinander geschrieben werden, die getrennt gesprochen werden. Und hier auch nur solche Vokale, die man nicht direkt hintereinander schreiben kann. Das ist nur "e" und "u". Im Grunde weiß man damit, dass der Vokal, der vor dem Selbstlautzeichen steht, gesprochen werden muss, ebenso der Vokal, der dahinter kommt. Und dahinter kommt immer ein Vokal, sonst hätte man das Selbstlautzeichen nicht geschrieben. Es ist sozusagen eine Selbstlauttrenner.

Abkürzungen

Abkürzungen bei Endungen sind recht effektiv. So kann man mit recht wenigen neuen Kürzungsregeln eine Menge Zeit/Aufwand beim Schreiben sparen.

Bei den Endungen habe ich mich an der Stiefo-Aufbauschrift II orientiert.

Der kleine Punkt bei "-lich" ist eine rechts drehende kleine Schleife. "-ung" ist wie ein "u". Eine Unterscheidung braucht es in der Regel nicht, es gibt so gut wie keine Wörter, die sowohl mit "u" wie auch mit "ung" enden können. "-heit, -keit, igkeit" ist wie ein "ei" mit Anschluss an ein halbhohes Zeichen, damit von einem "ei" am Ende eines Wortes unterscheidbar. Halb höher mit der Idee, dass ja ein "t" folgen würde, was man weglässt. In der Regel ist gut auseinanderzuhalten, welche Bedeutung es hat, weil es so gut wie keine Wörter gibt, wo sowohl "-heit" oder "-keit" Sinn macht. "-ion" wurde aus Stiefo übernommen, wo ein langer waagerechter Strich ein "o" ist. Ist in Stio mit nichts anderem verwechselbar. "-ig/-isch" ist aus Stiefo übernommen, wo es ein "i" ist. In Stio auch nicht verwechselbar mit was anderem. "-ismus" ein tiefergestelltes M als einzigartiges Muster, was mit nichts anderem verwechselbar ist. Die halbe Tiefstellung ist im Rahmen der Möglichkeiten bei Stio. Bei "-ismen" ist es das Selbe, nur noch eine Schleife unten dran, die ein folgendes "en" andeutet.

Der kleine Punkt bei "-los" schreibt man als linksdrehende Schleife. Solch kleine Schleifen muss man etwas üben, man findet sie aber auch in vielen anderen Kurzschriftsystemen, z.B. DEK und Stiefo-Aufbauschrift. Der lange waagerechte Strich ist in Stiefo das "o", in Stio mit nichts anderem zu verwechseln. "-nis" ist ein tiefergestelltes "s". "-schaft" wurde aus Stiefo übernommen, ist eindeutig und mit nichts verwechselbar. "-tum" ist ein tiefergestelltes "t", damit auch eine gute Gedächtnisbrücke.

Beispieltexte